Bayerische Geschichten 03/2022: Deutsch. Jüdisch. Ein gutes Leben?

Liebe Leserin, lieber Leser,

Fiktion und Wirklichkeit liegen oft nah beieinander. In seinem Roman „Mandelbaum“ verwebt Autor Marian Offman, interreligiöser Beauftragter der Stadt München und langjähriger Stadtrat, seine eigene Biografie ebenso geschickt wie spannungsgeladen mit der des fiktionalen Felix Mandelbaum.
Als dieser auf einer Demonstration am Münchner Odeonsplatz verhaftet wird, steht ihm die längste Nacht seines Lebens bevor. In einer kargen Gefängniszelle flüchtet er sich in Erinnerungen – von seiner Kindheit zwischen Kanada und Bayern über seine Schul- und Studienzeit bis zum steinigen Weg in die Münchner Stadtpolitik, wo aus Parteifreunden im Handumdrehen die ärgsten Gegner werden können. In jeder Lebensphase gehen Hoffnung, Glück, rauschende Erfolge wie der Spatenstich für das neue jüdische Zentrum und zerstörerische Erfahrungen von Antisemitismus Hand in Hand, während über allem die Frage schwebt: Kann eine deutsch-jüdische Existenz gelingen?

Auf dem Odeonsplatz beginnt Mandelbaums Alptraum – Verhaftung, Inhaftierung, eine Nacht voller Ungewissheit über Leben und Tod.
Bild: Gunnar Klack, wikimedia commons

„Es ist kalt und laut am Odeonsplatz. Demonstranten drängen und schieben gegen das Gitter, die Polizei hält dagegen. Ich ziehe den Lederriemen der Kamera über meinen Kopf und hebe sie nach oben, um aus der Höhe zu fotografieren. Unversehens werde ich von hinten gestoßen, ein mächtiger Ruck, die schwere Leica entgleitet, fliegt im hohen Bogen und trifft den glattrasierten Schädel von Hintermoser seitlich, am Ohr. Sein wütender, von Schmerz erfüllter Blick streift mich. Er blutet und sackt langsam zu Boden.“

Die Eingangstüren der Synagoge am Sankt-Jakobs-Platz zieren heute die ersten zehn Buchstaben des Aleph-Beth. Diese sollen die zehn Gebote symbolisieren, die nicht nur in der Thora und in der Bibel, sondern auch im Koran zu finden sind: ein versöhnliches Zeichen dreier Weltreligionen.
Bild: Heinz Binse, wikimedia commons

„Die Planungen für das Zentrum am Sankt-Jakobs-Platz gingen schnell voran. Ein umstrittener Aspekt war die Gestaltung der über drei Meter hohen Eingangstüren der Synagoge. Lieberman und mehrere Vorstandskollegen sprachen sich gegen die dafür vorgesehenen Davidsterne aus. Ich verstand die Welt nicht mehr und bat Lieberman um eine Begründung. Er blickte ernst und nachdenklich in meine Richtung. „Ich musste, im Gegensatz zu anderen in diesem Raum, den gelben Stern tragen.“ Diesem Argument konnte ich nichts entgegensetzen.“

Die literarische Ader und das Talent von Marian Offman, dem langjährigen Mitglied des Münchner Kulturausschusses, offenbarten sich schon bei seiner Berufung in die Jurys für den Geschwister-Scholl-Preis und den Tukanpreis.
Bild: Volk Verlag

Marian Offman ist gebürtiger Münchner – auch wenn er die ersten prägenden Jahre seines Lebens mit sechs Überquerungen des Atlantiks, von Europa nach Kanada und zurück, verbrachte. Mehr als 30 Jahre war er im Vorstand der jüdischen Gemeinde München aktiv. 2002 zog er zum ersten Mal für die CSU in den Münchner Stadtrat ein, dem er bis 2020 angehörte – ab 2019 allerdings unter dem Banner der SPD, der eigentlichen politischen Heimat des lebenslangen Sozialpolitikers. Während dieser Zeit engagierte er sich im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus, setzte sich für Geflüchtete ein und bemühte sich um eine Annäherung jüdischen und islamischen Lebens in München. 2021 wurde er zum ersten interreligiösen Beauftragten der Stadt berufen.