Sagen aus BayernAusschnitte aus dem Inhaltsverzeichnis unserer bayerischen Sagenwelt mit Leseproben:

Sagen aus Bayern, Neuerscheinung Sommer 2014

 

Sagen aus Oberbayern

Leseprobe: Die Hexe von Menzing

Ein Bursche ging einmal zur Nachtzeit zum Kammerfenster seiner Geliebten, die im Dorf Menzing an der Würm wohnte. Als er sich dem Haus näherte, sah er das Zimmer der Dirne hell erleuchtet, und als er neugierig hineinblickte, gewahrte er, wie das Mädchen einen Bund Stroh zusammenrichtete und diesen mit allerlei Bändern und Flitterwerk zierte. Nach einigem Zögern klopfte der Bursche an das Fenster und fragte die Dirne, was sie denn mache. Diese gab zur Antwort: »Ich fahre aus; wenn du mit mir reisen willst, so kannst du dich zu mir setzen; rede aber kein Wort, sonst bist du unglücklich.«

Der Bursche war neugierig, zu wissen, was seine Geliebte treibe, er stieg hinein und setzte sich auf den Bund Stroh mit dem Versprechen, zu schweigen. Das Mädchen nahm eine Büchse aus der Tasche ihres Kleides, bestrich sich und den Geliebten mit einer Salbe die Nase und begann darauf die Reise. Diese ging durch den Kamin hinaus und dann durch die Luft fort und fort in weit entfernte Gegenden.

Da fuhren sie einmal ganz nahe an einem Weinkeller vorüber, wo man eben mit Lichtern beschäftigt war. Da der Zug etwas niedrig ging, glaubte der Bursche, die Leute, die dem Strohbund so nahe kamen, möchten ihn anzünden, und in der Angst schrie er auf. Augenblicklich lag er auf dem Boden, während die Dirne mit dem Strohbund seinen Blicken entschwand und ihre Luftreise unbekümmert um ihn fortsetzte.

Der Keller, bei dem er auf den Boden gelangte, lag bei Wien. Zufällig war der Kellermeister ein alter Bekannter von ihm, den er früher in München kennengelernt hatte. Mit dessen Hilfe gelang es ihm, seine Reise in die Heimat zu bewerkstelligen.

Als er wieder nach Menzing kam, traf er seine Geliebte auf dem Feld bei der Arbeit. Die Vorwürfe, die er ihr machte, rührten sie nicht, sondern sie sprach bloß: »Ich habe dir gesagt, du sollst schweigen; hättest du geschwiegen, so hättest du mit mir auf den Blocksberg zum Tanz fahren können. Ich war dort recht lustig und bin nach vierzehn Tagen schon wieder zu Hause gewesen, während du einen schönen Umweg hast nehmen müssen.«

 

Sagen aus der Oberpfalz

Leseprobe: Der Schimmel ohne Kopf

Wenn man das alte Schloß zu Furth im Bayerischen Wald durchwandert, trifft man auf die Überreste eines mächtigen, im Viereck erbauten Turmes, vom Volk der »Lärmenturm« genannt, weil auf seinen Zinnen ehedem der Hochwächter seinen Standplatz hatte und von dort herab das Lärmsignal ertönen ließ, wenn der Feind nahte. Dieser Turm barg in seinem Erdgeschoß ein Verlies, zu dem keine ordentliche Tür führte, sondern nur eine runde Öffnung an der Stelle des Schlußsteins des Gewölbes. Wer in diesen Kerker versenkt wurde, der durfte der Welt für immer Abschied sagen. In alter Zeit starb hier ein böhmischer Raubritter den schauderhaften Hungertod. Als der auf einem Streifzug von den Leuten des bayrischen Grenzpflegers Gefangene eben in den Turm geworfen werden sollte, gelang es ihm, sich den Händen der Schergen zu entwinden und noch einmal seinen Schimmel zu erreichen, der im Schloßhof graste. Aber die Wächter am Tor ließen schnell das Fallgatter nieder, das durch seine Wucht dem Pferd den Kopf abschlug. Seitdem kommt der blutende Rumpf des Rosses zu Mitternacht in der Nähe des Grabens, man weiß nicht wie, aus dem Boden hervor, geht langsamen Schrittes, als würde er einer Bahre nachgeführt, über den Marktplatz der Stadt und die anstoßende Gasse entlang zum Tor hinaus, durchwandert auch die ganze Vorstadt und verschwindet endlich auf der sogenannten »Draht« ebenso unbegreiflicherweise, wie er hervorgekommen ist, in der Erde.

Vor ungefähr zweihundert Jahren soll auch der Reiter noch im Sattel gesessen haben, aber es scheint, daß dieser durch das Gebet mitleidiger Seelen inzwischen vom Bann erlöst worden ist, denn heutzutage sieht man nur mehr das Roß allein.

 

Sagen aus Schwaben

Leseprobe: Der Glockengießer zu Augsburg

Kochend ist die Glockenspeise,

Weiße Blasen springen auf.

In des Künstlers stolzer Weise

Fällt des Meisters Blick darauf.

Kurze Frist ist noch gegeben,

Und es wird der heiße Fluß

Reif zum ruhmgekrönten Leben,

Reif zum kühnen Glockenguß.

»Lehrling«, spricht der Meister, »wache!

Wache ob des Feuers Glut!

Stiller Blick sei deine Sache,

Sichre und getreue Hut.

Rühre nicht den Zapfen, Knabe!

Schüre nur das Feuer an.

Eines wenn vollbracht ich habe,

Sei dann rasch das Werk getan.« –

Und der Lehrling ist alleine. –

Unverwandten Blicks er schaut

Auf des Gusses zarte Reine,

Den der Meister ihm vertraut.

All sein Sinnen ist verloren

In dem wogenden Metall,

Und er hört in seinen Ohren

Tönen schon der Glocke Schall.

Und ihm ist’s, als ob die Glocke

Eins mit seinem Leben sei,

Und als ob die Flut ihn locke,

Endlich sie zu machen frei.

Und er sieht die Masse wogen;

Es erfaßt ihn Angst und Graus.

Und der Zapfen ist gezogen –

Strömend dringt der Guß heraus!

Und er sprühet, freigelassen,

In die Glockenform hinein;

Sieh, da stürzet in Erblassen

Bang der Meister nun herein;

Sieht den kühnen Knaben stehen

Mit dem Zapfen in der Hand,

Da begreift er, was geschehen,

Und ihn faßt des Zornes Brand.

Es erbeben seine Glieder;

Wilden Blickes, sinnberaubt

Schwingt er seinen Hammer nieder

Auf des Knaben schwaches Haupt;

Und des Lehrlings Todesbeben

Ist der Glocke erster Gruß,

Ist ihr erster Blick im Leben –

Denn gelungen ist der Guß. –

In des Turmes hohem Bogen

Man die prächt’ge Glocke schaut,

Doch kein Strang hat sie gezogen

Noch zu ihrem ersten Laut.

Denn mit ihrer ersten Stunde

Hat vermählet sich der Tod:

Lehrling schläft im Erdengrunde,

Meister bangt in Todesnot. –

Meister muß die Schuld bezahlen,

Die der blut’ge Mord begehrt;

Doch in seines Todes Qualen

Ist ein Wunsch ihm noch gewährt.

Und bei seinem letzten Gange,

Den er zum Schafotte wallt –

Nun mit ihrem ersten Klange

Mächtig seine Glocke schallt.

 

Sagen aus Mittelfranken

Leseprobe: Serpentina von Dinkelsbühl

Vor mehreren hundert Jahren lebte in dem Städtchen Dinkelsbühl ein reicher Hopfenhändler, der einen sehr tugendhaften und gutgearteten Sohn hatte, der neben seiner schönen Seele auch ein sehr angenehmes Äußeres besaß und deswegen nur der »Schöne Heinrich von Dinkelsbühl« genannt wurde. Zu gleicher Zeit lebte in Dinkelsbühl ein sehr stolzer und hochmütiger Bürgermeister, der auch eine sehr schöne und gutgeartete Tochter hatte, die Serpentina hieß.

Diese beiden jungen Leute liebten sich, aber sie hatten keine Hoffnung, daß sie je ihren Zweck erreichen würden, weil der Bürgermeister jeden Freier abwies und ihm keiner vornehm und reich genug war. Daher getraute sich auch der Schöne Heinrich nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; nur seinem Vater, der sein ganzes Vertrauen besaß, entdeckte er sich. Dieser lächelte und sagte: »Lieber Heinrich, wenn du keine Sorge hast als diese – davon will ich dich befreien. Der Bürgermeister ist weiter nichts als stolz und vornehm und bildet sich Wunder viel auf seinen Titel ein. Nun aber weiß ich, daß er unersättlich habsüchtig ist; habe ich keine vornehmen Ahnen aufzuweisen, so habe ich doch tausend Schock harte Taler, die die Ahnen ersetzen sollen.«

Gesagt, getan. Der Hopfenhändler warf sich in seinen Feststaat, zog seinen hellblauen Samtrock mit den großen silbernen Knöpfen an, nahm seine silberne Schnallen und ging mit seinem stark mit Silber beschlagenen spanischen Rohr nach dem Haus des Bürgermeisters und hinterbrachte diesem seinen Antrag. Letzterer, ganz außer sich vor Freude über den gemachten Antrag, willigte sogleich ein, weil er den Hopfenhändler als den reichsten Mann in der ganzen Gegend kannte und der Schöne Heinrich ein sehr wohlgearteter Jüngling war. Demnach verlangte er, daß die Sache sogleich richtig gemacht werde.

Niemand war vergnügter als Heinrich und Serpentina, und schon wurden alle nur möglichen Anstalten zur Hochzeit gemacht, als mit einem Mal Heinrichs Vater ganz unvermutet am Schlagfluß starb. Heinrich, der sich bisher gar nicht um das Geschäft des Vaters gekümmert hatte, war sehr bestürzt, weil er in seinen Geschäftsbüchern nichts fand als ein Verzeichnis aller seiner ausstehenden Kapitalien und Schulden, aber keine Dokumente. Wie vom Blitz getroffen stand nun der arme Heinrich da, und ein Schuldner nach dem anderen kam und machte seine Forderung geltend. Heinrich konnte nicht bezahlen, und bald wurde der verstorbene Hopfenhändler als ein Betrüger ausgeschrien.

Dies konnte dem Bürgermeister nicht verborgen bleiben, und er kündigte deshalb dem Heinrich die Heirat auf, und es wurden alle Anstalten getroffen, daß das Haus des Hopfenhändlers verkauft und die Schuldner bezahlt würden. Heinrich konnte nun nichts weiter tun, als sein Glück in der Welt suchen. Er machte daher sogleich Anstalten, seine Abreise aus seiner Vaterstadt, wo er nun das allgemeine Gespräch war, zu beschleunigen, und schon am nächsten Sonntag, als die schöne Bürgermeisterstochter in ihrem schön vergitterten Kirchstuhl saß, hörte sie die Bitte des Predigers von der Kanzel herab für einen Jüngling, der auf Reisen gehen wolle, und ihre Tränen flossen in ihr schneeweißes Sacktuch.

Schon am anderen Morgen wanderte der Schöne Heinrich unter den Segenswünschen seiner geliebten Serpentina aus Dinkelsbühl und nahm seinen Weg nach dem benachbarten Hesselberg und beschloß nach Nürnberg zu reisen. Als er auf dem Hesselberg angekommen war, beschloß er noch einmal haltzumachen. Mit Wehmut erblickte er noch die Türme seiner Vaterstadt, und noch einmal sagte er seiner heißgeliebten Serpentina ewiges Lebewohl.

Er setzte sich auf den Stein eines alten Gemäuers, und nun sah er ein wunderschönes Schlänglein, das über und über himmelblau war, einen goldenen Gürtel um den Leib und eine kleine goldene Krone auf dem Kopf hatte. Da das Schlänglein gar nicht schüchtern war, so fing Heinrich an, es zu streicheln; nun aber fiel ihm wieder seine geliebte Serpentina ein, und er rief dreimal: »Serpentina!«

Mit einem Mal verschwand die Schlange, und eine sehr schöne, blühende Jungfrau in himmelblauseidenem Gewand, einen goldenen, mit kostbaren Edelsteinen gezierten Gürtel um den Leib und eine goldene Krone auf dem Haupt, stand vor ihm und fragte ihn, was sein Begehren sei …

(Serpentina von Dinkelsbühl geht weiter in Sagen aus Bayern)