Bayerische Geschichten 10/2026: Tatort Straubing
Liebe Leserinnen und Leser,
der Münchner Mordermittler Bastian Landorff kehrt aus persönlichen Gründen der bayerischen Hauptstadt den Rücken und wagt einen Neuanfang im beschaulichen Straubing. Doch schon kurz nach seiner Ankunft erfordert ein rätselhafter Todesfall all seine Aufmerksamkeit: Ein Rollerfahrer wird auf einer Landstraße tot aufgefunden – ein Unfall kann schnell ausgeschlossen werden, aber wer hatte etwas gegen den Schüler und talentierten Eishockeyspieler?
Die Ermittlungen führen in eine abgeschottete Prepper-Gemeinschaft im nahegelegenen Ort Rattenberg. Als kurz darauf deren Anführer ermordet wird, überschlagen sich die Ereignisse. Die Suche nach dem Täter führt Landorff tief in die dunklen Wälder rund um Straubing …
Leseprobe
Starker Regen prasselte an die Fenster der Straubinger Mordkommission. Landorff hatte sich gerade an seinem Computer eingeloggt und sich eine Tasse von dem braunen Gesöff geholt, der hier als Kaffee bezeichnet wurde, als Hoff den Raum betrat und auf ihn und Elin zusteuerte. „Ich habe was für euch. Draußen in Rattenberg gab es einen Todesfall. Könnte ein Unfall gewesen sein, vielleicht aber auch nicht. Ein junger Mann ist aus unbekanntem Grund mit seinem Roller verunglückt. Den Kollegen von der örtlichen Polizei kommen die Umstände merkwürdig vor. Die Kriminaltechnik ist auch schon unterwegs. Fahrt doch mal raus und schaut euch die Sache an.“
Elin und Landorff griffen nach ihren Jacken und Handys und nahmen den Aufzug in die Tiefgarage. Auf dem Weg nach unten sah ihn Elin grinsend an. „Sag mal, kommt es dir nicht auch manchmal so vor, als ob wir in irgendeiner Fernsehserie mitspielen? Wenn der Chef reinkommt und sagt: ‚Ich habe da was für euch?‘“
„Ja“, lachte Landorff, „fehlt nur noch, dass du danach gesagt hättest: „Landorff, hol schon mal den Wagen!“.
Wenige Minuten später fuhren sie in Landorffs BMW in südlicher Richtung aus Straubing hinaus.
Der Scheibenwischer ächzte unter der Last des Wolkenbruchs, der prasselnde Regen machte einen ohrenbetäubenden Lärm, das Licht der Scheinwerfer reichte kaum, um die Fahrbahn zu erkennen.
Leichter Bergamotte-Duft kam vom Beifahrersitz herübergeweht, Landorff versuchte trotzdem, sich auf die Fahrt zu konzentrieren.
Die Straße zum Campingplatz in Rattenberg kam Landorff bei diesem Wetter vor wie ein großer schwarzer Schlund. Selbst um die Mittagszeit verschluckten die dunklen Bäume links und rechts das Scheinwerferlicht.
An den parkenden Einsatzfahrzeugen vorbei fuhren sie bis zur letzten Absperrung. Ein Polizeibeamter, der mit seinen roten Wangen und dem eifrigen Gesichtsausdruck aussah, als wäre er gerade mit der Ausbildung fertig geworden, lotste sie auf einen freien Parkplatz. Kurz vor dem abgesperrten Bereich hob ein stämmiger, älterer Polizist, mit dem Elin in einem früheren Fall schon einmal zu tun gehabt hatte, das Absperrband und grüßte sie freundlich.
„Guten Morgen, Frau Seeheim.“
Sie nickte ihm dankend zu und sie gingen weiter zum Unfallort.
Elin knuffte Landorff in die Rippen. „Schon wieder wie im Fernsehen. Oder hat dir schon mal jemand das Absperrband hochgehoben?“
Ein auffallend großer, kräftiger Mann im weißen Ganzkörperanzug beugte sich gerade über eine am Boden liegende, reglose Gestalt, während er in sein Diktiergerät sprach.
„Unbekannte Person zwischen siebzehn und fünfundzwanzig Jahren, kann aufgrund fehlender Papiere nicht identifiziert werden. Dem ersten Anschein nach ist eine zervikale Wirbelsäulenfraktur für den Tod ursächlich, wahrscheinlich hervorgerufen durch die starken kinetischen Kräfte beim Aufprall auf den Boden.“
Der Mann im weißen Anzug spürte offenbar, dass Elin und Landorff hinter ihm standen. Er blickte kurz hoch, schaute die beiden grimmig an und wandte sich wieder der Leiche zu. „Wos woits denn do, hob no nix. Lasst mi gfelligst mei Arbad doa.“
Für Landorff klang das wie das Knurren eines großen Hundes. Er schaute Elin fragend an. „Was hat er gesagt? Ich versteh kein Wort.“
Leise flüsterte sie: „Das ist Dr. Gretzki, seit zwanzig Jahren unser zuständiger Gerichtsmediziner. Der redet nie viel, aber jeden Todesfall nimmt er persönlich und seine Laune geht tief in den Keller.“
„Herr Dr. Gretzki, ich möchte Ihnen meinen neuen Kollegen vorstellen.“ Landorff war erstaunt, wie Elins Stimme übergangslos ins Säuseln wechseln konnte.
Sie hatte wohl den richtigen Ton getroffen. Jetzt erhob sich der missgelaunte Mediziner doch und Landorff, selbst ein Meter vierundachtzig groß, musste den Kopf in den Nacken legen, um Augenkontakt zu halten.
„Guten Tag, Dr. Gretzki, ich bin Bastian Landorff. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.“
„Basst scho, lasst mi nur mei Arbad mocha, dann komma scho zrecht.“
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