Bayerische Geschichten 11/2026: Ein letzter Sommer am Starnberger See

Liebe Leserinnen und Leser,

seit dem Tod ihres besten Freundes Michi hat Annina ihre alte Heimat am Starnberger See gemieden. Jetzt, ausgerechnet kurz vor seinem Geburtstag, kehrt sie zurück – und damit auch die Erinnerungen an die gemeinsame Jugend zwischen wilden Partys und erstem Herzschmerz. Als Annina ihren alten Freunden wieder begegnet, erkennt sie, dass sie nicht die Einzige ist, die Michis Tod völlig aus der Bahn geworfen hat.
Sie alle kämpfen noch immer mit dem Verlust … und mit den Dingen, die niemals ausgesprochen wurden. Schon bald begreift Annina, dass nicht nur sie ein Geheimnis hütet.

 

Leseprobe

Drei simple Wörter können ein Leben für immer verändern. Zum Beispiel „Ich liebe dich“, „Wir müssen reden“ oder „Es ist aus“.
Bei mir war es vor zehn Jahren der Satz „Michi ist tot.“
Eugen hatte diese drei Wörter so schnell ausgespuckt, als hätte er etwas Bitteres, Ungenießbares im Mund. Ganz ohne Vorwarnung. Bevor mein Gehirn die Chance hatte, irgendetwas zu verarbeiten, reagierte mein Körper. Die Haut kribbelte wie nach einem Stromschlag und das Herz pumpte in doppelter Geschwindigkeit Blut durch die Arterien. Mit einem Mal fühlte sich für mich nichts mehr richtig an. Ich schüttelte den Kopf, immer wieder, was Eugen am Handy natürlich nicht sehen konnte. Uns trennten hunderte Kilometer. Er war am Starnberger See, ich in Frankfurt am Main.
Michi ist tot. Mit nicht mal 25 Jahren gestorben.
Ich dachte am Anfang, Eugen hätte mich richtig fies verarscht. Wie oft hatte er in der Schule die Lehrer mit seinen blöden Witzen zur Weißglut getrieben? Aber Michi prustete nicht wie früher im Hintergrund los. Es blieb still. Dann war da auf einmal dieses Schnaufen. Dieses schwere Schnaufen von einem, der gerade mit den Tränen kämpft. Damit war meine Hoffnung verpufft, dass „Michi ist tot“ ein geschmackloser Scherz sein könnte. Was danach passiert war, wusste ich nicht mehr. Hatte ich auch jemanden angerufen? War ich nach draußen gegangen, um einen klaren Kopf zu bekommen? Hatte ich mich verzweifelt in meinem Bett hin und her geworfen? Ich weiß nur, dass es ein Leben vor „Michi ist tot“ gab – und ein Leben danach.
Eigentlich hätte ich mir denken können, dass etwas Schlimmes passiert war, als mein Handy klingelte. Eugen hatte mich noch nie angerufen. Wir waren zu dem Zeitpunkt nicht mal mehr befreundet – falls wir das überhaupt jemals waren. Nach der Sache in den Sommerferien zwischen der 11. und 12. Klasse war ich ihm, so gut es ging, aus dem Weg gegangen. Michi war unsere einzige Gemeinsamkeit, und als er weg war, gab es keinen Grund mehr, miteinander zu sprechen. Wir sahen uns noch ein einziges Mal auf Michis Beerdigung. Ich werde nie vergessen, wie heiß es damals war. Ähnlich wie heute. Dabei hätte es besser regnen sollen. Dauerregen. Weltuntergangsstimmung. Das wäre Michi gerecht geworden.
Nach der Beisetzung hatte mir Eugen kommentarlos eine Zigarette gegeben – das war’s. Seitdem hatte ich kaum an ihn gedacht. Jetzt aber saß Eugen keine zwei Meter von mir entfernt in einem silberglänzenden BMW und wartete, dass die Ampel auf Grün sprang. Ich blieb auf dem Gehsteig stehen und starrte ihn einfach nur an. So überrumpelt war ich, dass ich es nicht mal schaffte, eine meiner langen, dunklen Strähnen von der verschwitzten Stirn zu streichen. Eigentlich wollte ich nur schnell die steile Straße runterlaufen und mir nach der langen Fahrt am Starnberger See die Füße vertreten. Aber das da war tatsächlich Eugen. Ich konnte es kaum glauben. Gleiches kantiges Gesicht wie früher, nur die schwarzen Haare trug er jetzt raspelkurz, vielleicht, weil die Geheimratsecken immer weiter vorrückten und Land für sich beanspruchten. Wäre ich näher dran, könnte ich die Narbe auf seiner Stirn erkennen. Es war im Nachhinein leichtsinnig gewesen, dass wir nicht ins Krankenhaus gegangen sind.
Eugen bemerkte mich nicht. Er hatte die leere Straße im Blick und trommelte auf dem Lenkrad herum. Ob er noch so ein großer Rap-Fan wie früher war und aus den Boxen ein Klassiker von Eminem schallte? Natürlich wohnte Eugen noch am Starnberger See. Das hätte mir klar sein müssen. Und natürlich fuhr er so einen protzigen BMW. Eugen hatte Statussymbole immer schon geliebt. Früher war es ein cooler Klingelton, ein iPod oder die neueste PlayStation – und jetzt eben ein Monstrum von einem Wagen, der sicher erst in der Waschstraße gewesen war.
Typisch Berg.