Bayerische Geschichten 08/2026: München. Mann. Mord.
Liebe Leserinnen und Leser,
Thomas Koopmann ist ein verdienter Kriminalkommissar der Münchner Mordkommission. Ruhig und routiniert geht er seiner Arbeit nach, bis eine Mordserie seinen gewohnten Alltag gehörig durcheinanderbringt. Innerhalb kurzer Zeit werden mehrere Tote entdeckt, die vergiftet und auf eigenartige Weise am Tatort in Szene gesetzt wurden. Die Stadt gerät in Aufruhr und der Kommissar steht plötzlich mächtig unter Druck.
Die Suche nach dem Täter wird zu einem bizarren Spiel, in dem Schuld und Sühne, Thomas Mann und Venedig, ein treuer Hund und eine neue Liebe eine tödliche Mischung ergeben. Wer immer diese Morde komponiert, er ist Koopmann näher, als ihm lieb ist.
Leseprobe
Alfons Schroot, ein prominenter und über die Grenzen der Stadt hinaus bekannter Junggeselle, war am Morgen des 3. Januar tot in seinem Penthouse am Lenbachplatz aufgefunden worden. Schroot war, was man früher einmal einen Gesellschaftslöwen genannt hätte. Wechselnde Liebschaften mit mehr oder weniger bekannten Frauen unterschiedlichster Art und Alters sorgten dafür, dass er immer wieder Thema von Klatsch und Tratsch in der Presse war. Aufgrund der Prominenz des Toten und des zu erwartenden Presserummels, stieg Kriminalrat Grüner nun selbst in die Ermittlungsarbeit ein.
Schroot beschäftigte einen Hausdiener, der seinen Arbeitgeber um zehn Uhr vormittags tot in seinem Schlafzimmer gefunden hatte. Da der Tote sowohl an den Händen als auch im Gesicht aufgrund einer schwärzlich blauen Verfärbung seltsam entstellt aussah, hatte der Diener nicht nur den Hausarzt, sondern auch gleich die Polizei verständigt. Als Koopmann zusammen mit Grüner eintraf, war der Hausarzt bereits vom Rechtsmediziner Behrendt befragt und ersetzt worden. Dieser machte sich nun selbst ein Bild, während die Beamten den Tatort sicherten. Schroot lag gerade ausgestreckt in seinem Bett. Die seidene Bettdecke bis zur Brust hochgezogen. Die Arme lagen dicht am Körper an. Wie bereits vom Diener, einem Herrn Joachim, beschrieben, waren sie bläulich schwarz verfärbt. Auch das Gesicht zeigte Spuren dieser Verfärbung. Die Mund- und Kieferpartie deuteten darauf hin, dass der Tod jäh und unerwartet eingetreten sein musste, so als sei es zu einer plötzlichen gewaltsamen Hemmung der Lebensfunktionen gekommen.
Koopmann und Grüner betrachteten den Toten eine Weile, dann fragte Grüner: „Was haben wir bisher, Behrendt?“
„Es ist einigermaßen seltsam. Ich würde sagen, es handelt sich um eine Vergiftung. Die Verfärbungen an den Händen und im Gesicht sind Merkmale, wie sie auftreten, wenn man eine erhebliche tödliche Dosis an Gift zu sich nimmt“, antwortete der Rechtsmediziner.
„Also Suizid?“ fragte Grüner.
„Nein, davon würde ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgehen. Genaueres kann ich erst sagen, wenn er auf meinem Tisch war. Aber so viel weiß ich jetzt schon: Der Tod ist sehr plötzlich eingetreten und wenn er sich selbst das Gift zugeführt haben soll, müsste entweder auf dem Bett oder zumindest auf dem Nachtisch oder Boden vor dem Bett etwas zu finden sein, das damit in Zusammenhang steht. Aber da ist nichts. Kein Fläschchen, kein Glas, keine Spritze. Der Tod ist schockartig eingetreten, somit hatte er keine Zeit mehr, die Utensilien wegzuräumen, sich ruhig ins Bett zu legen und auf den Tod zu warten. Das passt nicht. Außerdem, und das ist nun wirklich sehr seltsam, habe ich am rechten Unterarm zwei rote Einstichstellen – oder besser: Bissstellen – entdeckt, die eigentlich darauf schließen lassen, dass ihn etwas gebissen hat. Wenn es nicht zu eigenartig wäre, würde ich sagen, eine Schlange.“
„Eine Schlange?“ fragten Koopmann und Grüner im Chor.
„Ja, so sieht es aus. Ich weiß, das klingt seltsam, aber es ist so. Nur dass von einer Schlange weit und breit nichts zu sehen ist, nach der bisherigen Sichtung des Raumes. Wäre auch komisch. Er legt sich ins Bett, wartet, dass ihn eine Schlange beißt und stirbt dann, ohne ein Zeichen von Gegenwehr.“
„War er allein in der Nacht?“
„Nach den bisherigen Erkenntnissen: Ja. Näheres müssten aber die Kollegen bereits erfragt haben.“
Grüner und Koopmann sahen sich ratlos an. Was war das? Behrendt nahm den rechten Arm Schroots hoch und forderte sie auf, die Stelle zu betrachten, an der die zwei roten Flecken zu sehen waren.
„Hier sind die zwei Einstiche, relativ groß, also keine Einstiche einer Spritze oder etwas ähnlichem. Auf den ersten Blick sieht das tatsächlich so aus, als hätte ihn eine Schlange gebissen.“
Koopmann erstarrte.
Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen.
- ISBN: 978-3-86222-562-0

