Bayerische Geschichten 09/2026: Von Liebe getrieben – vom Schicksal gehetzt
Liebe Leserinnen und Leser,
Marie „Mémée“ Hochstrasser wird 1926 in Sonnenberg, einem Dorf im deutschsprachigen Banat im Südwesten Rumäniens, geboren. Behütet und in guten Verhältnissen wächst sie auf und erhofft sich eine friedliche Zukunft mit ihrem geliebten Adrian – doch der Zweite Weltkrieg zerstört ihre Hoffnung. Als der Nationalsozialismus nicht mehr nur im fernen Deutschland die totale Vorherrschaft erlangt, sondern auch im Banat zur Bedrohung wird, beschließen Adrian, der jüdische Wurzeln hat, und sein Vater das staatliche Angebot zur Ausreise nach Palästina wahrzunehmen. Die Flucht reißt ihr junges Glück von einem Tag auf den anderen auseinander. Um dieses Glück wieder zu erlangen und eine Zukunft in Freiheit aufzubauen, sollten die Hochstrassers – so die Abmachung – selbst vor den heranrückenden sowjetischen Truppen in den Westen fliehen. Aber sie zögern zu lange. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
Ilse Felser erzählt die dramatische Geschichte von Liebe, Vertreibung und Gefangenschaft im deutschsprachigen Osten zum Ende des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach. Zahlreiche Zeitzeugengespräche verschaffen der Erzählung eine beeindruckende Authentizität.
Leseprobe
Die Kirchturmuhr schlug: eins, zwei. Ich fuhr bei jedem Schlag zusammen, als hätte er mich getroffen.
„Gerda“, wimmerte ich, „mir ist unheimlich.“
Gegen mein Erwarten warf sie die Decke von sich, murrte, sie sei geschafft, kam aber ans Fenster. Ich zog uns die Stühle näher, wir setzten uns. Den Konvent behielten wir im Auge. Wiederum völlig gegen mein Erwarten fing sie an zu quasseln. Sie wolle Hans heiraten und ihren Vater, wenn nötig, mit einer Schwangerschaft zur Einwilligung zwingen. Sie habe schon eine Idee für ihr Brautkleid. Wie eine Prinzessin wolle sie aussehen. Es müsse die schönste Hochzeit werden und das ganze Dorf geladen sein; das beste Essen, die beste Musikkapelle, das Beste von allem und nur das Beste.
„Das Allerbeste“, stimmte ich zu und fragte gleich darauf, weil es sich fügte: „Was, wenn es mit Hans nicht klappt und dein Nächster auf eine Jungfrau besteht?“
Insgeheim wollte ich Mamas Mahnung, ein Mädchen, das seine Ehre verloren hat, bleibt sitzen, die Meinung einer Erfahrenen gegenüberstellen. Das kostete Gerda zunächst ein Lachen, dem sie die Erklärung beilegte, dass gegen so viel Feld, wie sie als Mitgift bekomme, ein Jungfernhäutchen der reinste Pappenstiel sei. Nach kurzem Überlegen wollte sie sich doch an ein Verblendungsmanöver erinnern, das ihr zufällig jemand gesteckt habe: den Mann vor dem ersten Mal mit Schnaps volllaufen lassen, sich mit der Haarnadel, wenn es hoch hergeht, in den Finger stechen und den Blutstropfen, mit Spucke verdünnt, aufs Bettlaken schmieren. Das schlucke der mit links, fügte sie hinzu und ließ ihrem Lachen von vorhin ein dumpfes Kollern folgen. Aus diesem heraus drängte sie mich in eine Ecke, die ich bis dahin tunlichst gemieden hatte: „Hascht tu iwerhaupt a Haaber?“
Die Frage riss mich vom Stuhl. Haber? Ob das zu mir und Adrian passt? Kaum! Zurück am Fenster sagte ich: „Ich bin verliebt, aber es gibt da ein Problem.“
„Was far a Proplem?“, spitzte sie. In dem Moment ging das Licht im Konvent aus. Die Schwestern verließen das Schulhaus, Schwester Eduarda versperrte die Tür und folgte ihnen.
„Was far a Proplem?“, fragte Gerda von Neuem.
Nun hatten wir so lange Zeit miteinander in dieser Kammer verbracht, vieles miteinander erlebt, vieles beredet; das schafft Nähe, Vertrauen. Genau diesem Vertrauen entsprang meine so jämmerlich unbesonnene Antwort: „Seine Mutter war Jüdin, ist aber schon lange tot.“
Als hätte ich siedendes Wasser über Gerda gegossen, schnellte sie vom Stuhl, stieß ihn dabei um und flüchtete stoßartig schnaubend in ihr Bett.
Ich fühlte mich vom Blitz getroffen. Wie konnte ich nur? Wie konnte ich so unachtsam sein? Wenn die das herumträgt! Wie konnte ich nur? Schuld hat viele Gesichter. Jetzt hat sie auch meines.
Es dauerte, bis ich mich erheben und auf die Fensterbank stützen konnte. Zu meinen Füßen, in silbernem Dunst lag der Garten. Ich betrachtete ihn so lange, bis im Osten Lichtknospen den Mauerrand erklommen. Dann streifte ich, mürbe vor Erschöpfung, meine Schuhe ab und wollte ins Bett. Im gleichen Augenblick setzte die Glocke am Pförtnerhaus zu einem markzerreißenden Sturmgeläute an. Gerda sprang hoch, warf sich die Kleider über und knallte die Tür hinter sich zu. Mich gab es für sie nicht mehr. Ich zwängte meine aufgedunsenen Füße in die Schuhe zurück, hängte den Mantel um und holperte in die Kirche. Da stand die Oberin bereits auf der Kanzel; ihr Gesicht schien aus Wachs, ihre Stimme aus Frost. Der lag auch in der Luft, er ließ sich buchstäblich greifen.
Als alle Bänke besetzt waren, räusperte sie sich und fing an: „Werte Fräulein!“
Sie stockte, räusperte sich erneut und fing von vorne an: „Werte Fräulein, unsere Schule wird geschlossen. Alle Schulen im Land werden geschlossen. Bis morgen Abend muss das Haus geräumt sein. Verständigt eure Eltern. Die Zeugnisausgabe erfolgt ab sofort.“
Nach einer langsamen Bekreuzigung und einem „Gott sei mit euch!“ stieg sie die Treppen der Kanzel herunter. Gleichzeitig senkte sich der Frost aus ihrer Stimme und aus der Luft in mein Gemüt und schrieb den Text für mein Telegramm:
Es ist aus, Papa! Bitte hol mich ab! Mémée
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ISBN: 978-3-86222-546-0 €28,00

