Bayerische Geschichten 04/2026: Ein außergewöhnliches Leben

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein Bauernhof in Franken von den Siebzigerjahren bis heute. Wie behauptet sich die Familie angesichts des Strukturwandels in der Landwirtschaft? Und wie gestaltet sich das Zusammenleben von mehreren Generationen auf dem Hof?
Davon erzählt Fritz Stiegler in „Verdammt harte Nüsse“ ungeschönt und unsentimental, mit Hintersinn und Humor, aber immer mit dem bangen Blick auf das Gedeihen der nächsten Haselnussernte. Es geht um althergebrachte Gepflogenheiten ebenso wie um existenzbedrohende Rückschläge – und um den ungewöhnlichen Lebensweg des Landwirts, der sich als Autor von Musicals und Romanen immer wieder neu erfindet und sich schließlich auch seinen Lebenstraum erfüllt, die Besteigung des Kilimandscharo.

Leseprobe

Von den Siebzigern …

Früh um halb sieben stand der Metzger im Hof, mit seiner ­weißen Schürze, dem schwarz-weiß-karierten Hemd, den bis zum Ellbogen hochgekrempelten Hemdsärmeln. Seine schlaksigen Beine steckten in weißen Gummistiefeln. Er packte sein Sortiment Messer aus dem Kofferraum, legte die verschiedenen Glocken zum Abbürsten der Haare, das Beil und den Bolzenschussapparat auf die Bank neben dem Brunnen. Vater hatte schon am Vortag den Vierbock aufgebaut und den Brühtrog hergerichtet.
Das Geschrei der Sau fuhr mir in alle Glieder, als sie aus dem Stall gezerrt wurde. Sie ahnte, was sie erwartete. Nicht immer wirkte der Schussapparat, dann half der Metzger mit dem Beil nach. Aus der durchschnittenen Kehle rann das Blut wie aus ­einem geöffneten Wasserhahn. Jeder Tropfen wurde mit dem Schöpflöffel aufgefangen, in den bereitstehenden blechernen ­Eimer geleert und kräftig umgerührt, damit die dickflüssige Brühe nicht verklumpte. War der leblose Körper blutleer, kippte Vater den Brühtrog, die Helfer rollten die Sau in den ausgeblechten Holz­behälter und gossen kochend heißes Wasser über die borstige Haut. Mit den Glocken wurden die Haare abgeschält, ein brennender Strohbüschel versengte die schwer erreichbaren Borsten zwischen den Beinen, am Kopf und am Schwanzansatz. Die schwerste Arbeit war das Aufhängen der Sau an den Hinter­beinen. Mit dem Beil trennte der Metzger das Tier in zwei Hälften, kratzte das Hirn aus dem Schädel und ließ es auf ein großes Vesperbrett platschen, das ich bereithalten musste. In der Schlachtkammer wurde das löchrige Gewebe, das der Unterseite eines wurmigen Pilzes ähnelte, den Leberwürsten beigemischt.

 … über die Achtziger …

Als wir Anfang der Achtzigerjahre, ich war gerade achtzehn geworden, einen neuen Allradschlepper kaufen wollten, gab es den ersten großen Machtkampf. Vater tendierte zu einem Fendt, ich wollte einen Deutz. Die Vertreter beider Marken liefen uns die Türen ein und wie der Zufall es wollte, standen zum Vertragsabschluss beide im Hof. Vater verhandelte in der Küche, ich in der Stube. Wir beide pendelten hin und her. Der Preis war fast identisch, Vater gab nach, obwohl der Fendt die bessere Maschine war.
Auf dem Feld, auf dem wir fünfundzwanzig Jahre später Haselnüsse pflanzen würden, brauchten wir so einen Allradschlepper dringend. Mit unserem alten Bulldog, der nur über die Hinterräder angetrieben wurde, hätten wir das tonige und mit Steinen vermischte Erdreich in der steilen Hanglage neben dem Bach niemals einen halben Meter tief bearbeiten können. Seit ich mich erinnern kann, musste die Familie auf diesem Acker alle Jahre lose Feldsteine in geflochtenen Weidenkörben sammeln. Kleine und große Schusser wurden akribisch aufgelesen, auf die Pritsche unseres Geräteträgers gehievt, um damit die matschigen Feld- und Waldwege zu befestigen. Ich hasste diese Arbeit, genauso wie ich das Vereinzeln der Zuckerrüben auf diesem Feld hasste, das Jäten des Unkrauts zwischen den Reihen, was als Zehnjähriger meine Aufgabe war. Besonders dann, wenn meine Freunde ungeduldig am Feldrand warteten, weil ich den einzigen Lederball besaß. Mutter erbarmte sich und setzte ein Limit von täglich vier Reihen, die ich in einem Tempo absolvierte, das meine Eltern staunen ließ. Später schimpfte Vater, weil er alles noch mal machen musste.
Auch hasste ich die Arbeit am Hang mit dem Handrechen, mit dem ich einen Großteil meiner Ferien verbrachte. Jeden Tag von April bis Ende Oktober rechte die Familie das Futter für die Kühe auf Rangen zusammen, obwohl fortschrittliche Bauern längst mit der Wiesenspinne oder dem Kreiselschwader schafften. Für den unergiebigen Stoppelklee, der im Herbst kaum bis zu den Knöcheln reichte, brauchte die ganze Familie auf den rauen und unebenen Flächen manchmal einen halben Tag. Umständlich und pingelig war Vater zeitlebens, bei der Arbeit am Feld, beim Fliesen der Sandsteinfassade am Haus und beim Füttern seiner fünfzehn Kühe. Nur beim Sichern, wenn wir in den Bergen unterwegs waren, blieb er großzügig.
Hatte sich ein Arbeitsablauf fest eingespielt, scheute Vater Veränderungen. Er lehnte vieles ab, was maschinell besser ging. Häufig stritten wir uns. Trotzdem bewunderte ich, dass er einen Herdendurchschnitt von fast sechstausend Liter Milch erreichte, ohne Soja aus Brasilien, nur aus dem Futter, das wir daheim auf dem Feld anbauten. Er produzierte regional und auf dem Konto gab es nie ein Minus. Meine Eltern lebten bescheiden und sicherten mit wenig Aufwand ihr Auskommen.
Den Trend hin zur Massenproduktion hatte Vater ignoriert. Bis zur Jahrtausendwende klapperten die Ketten im Stall und die Schwalben bauten zu Dutzenden ihre Nester unter den Eisenträgern und Deckenbrüstungen, in jeden Winkel, der für die Katze unerreichbar war. […]
Vater und Mutter klammerten sich an den letzten Strohhalm, der ihnen blieb, versorgten das Vieh bis ins hohe Alter, molken die Kühe, fütterten sie, hegten und pflegten die Kälber, solange der marode Rücken es zuließ, und hofften auf ein Wunder.
Ich erinnere mich an jenen verregneten, kühlen Februartag im Jahr 2000. Vater und ich verlegten im Rossendorfer Feld auf der Anhöhe zum Nachbardorf Drainagerohre. Müde geworden von der Plackerei stützte er den Kopf auf seine Hände, die den Schaufelstiel umklammerten, räusperte sich ein paarmal und sah mir dann tief in die Augen. „Fritz“, meinte er. „Wenn du die Kühe wegtun willst, ich hätt nichts mehr dagegen.“
„Na ja“, antwortete ich ihm. „Wenn du meinst, wir sollten sie wegtun, dann machen wir es halt.“ Und damit war alles gesagt. Schweigend glätteten wir mit Schaufel und Spaten das Erdreich für die roten Tonrohre und vertieften uns in unsere Gedanken.
Seit der Jahrtausendwende waren wir also kuhlos. Keine Minute bereuten wir den Schritt. Hätten wir die Kühe aber damals gegen den Willen meiner Eltern abgeschafft, wir hätten ihnen das Herz gebrochen.

… bis heute

Um halb elf mache ich einen letzten Kontrollgang in den Pferdestall. Das Thermometer an der Reithalle ist auf minus drei Grad gesunken. Hinter den kahlen Ästen der alten Eiche neben den Koppeln funkeln vereinzelt Sterne am Himmel. Ab und zu spitzt der aufgehende Mond durch das fleckige Wolkengewand, dann wird es wieder stockfinster. Leise öffne ich die Schlafzimmertür. Der Atem meiner Frau geht regelmäßig wie das Ticken des Weckers. Ich schüttle das Kopfkissen auf, ziehe den Schlafpullover an, wage einen Blick aus dem Fenster. Die Umrisse der Stallgebäude schimmern in einheitlichem Grau, die Obstbäume auf der Koppel stehen wie Wächter in der Landschaft. Ich schnaufe tief durch, ziehe die Bettdecke über meinen Körper, lege mich auf die dem Fenster zugewandte Seite, versuche, einzuschlafen. Unwillkürlich wandert der Blick ein ums andere Mal zur Scheibe, stündlich werden die Wolken weniger und die Sterne zahlreicher. Je näher der Morgen kommt, desto intensiver leuchten die Gestirne. Längst sind die Gebäude, Bäume und Wiesen, der nahe Wald in fahles Mondlicht getaucht. Ich drehe mich weg vom Fenster. Der Druck in der Magengrube lässt nicht nach. Werden sie wieder erfrieren, die verdammten Nüsse?