Bayerische Geschichten 05/2026: Ingeborg Bachmanns München – Mit Fenstern zum Himmel

Liebe Leserinnen und Leser,

pünktlich zum 100. Geburtstag der großen Ingeborg Bachmann am 25. Juni erscheint diese Chronik ihrer Zeit in München. Anhand von teilweise unbekannten Dokumenten schafft Nicola Bardola ein faszinierendes Bild ihrer Erfahrungen in der bayerischen Landeshauptstadt. Ihre Briefe schwanken dabei zwischen Heimatgefühl und Entfremdung und spiegeln ihren inneren Zwiespalt. „Ingeborg Bachmanns München“ ist ein eindrucksvolles biografisches Porträt aus einer häufig vernachlässigten Perspektive

Ingeborg Bachmann und Kuno Raeber auf seinem Balkon in Schwabing, 1958 (Foto: scaneg Verlag)

„Sonst ist es, wie Du vermutet hast, – mir scheint, das goldene Zeitalter geht seinem Ende entgegen, und ich muss ins Nordicum. Nach München wahrscheinlich. Denn ich komme mit all den Arzt- und anderen Rechnungen nicht mehr zurecht. Wie schlimm mir deswegen zumute ist, mag ich Dir nicht sagen, es ist wohl auch kindisch, dass ein erwachsener Mensch in Tränen ausbricht, wenn er irgendwo das Wort ‚München‘ liest.“ So berichtet Ingeborg Bachmann ihrem guten Freund Jürgen Eggebrecht am 11. Juli 1957 von ihren Umzugsplänen. Dass sie München nur ein Jahr später, am 19. September 1958, in einem Brief an Max Frisch als „meinen Boden“ bezeichnen würde, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dieser Zwiespalt ist prägend für ihre Zeit in München.

 

 

Ingeborg Bachmann mit den Kindern von Ilse Aichinger und Günter Eich in Lenggries (Foto: Literaturarchiv Salzburg)

Zahlreiche Menschen beeinflussten Ingeborg Bachmanns Leben während ihrer Zeit in München. Zu ihnen zählen bekannte Namen wie Max Frisch und Paul Celan, aber auch weniger bekannte Persönlichkeiten wie beispielsweise Hansjörg Schmitthenner, der Dramaturg des Bayerischen Rundfunks, dem letztlich die Redaktion des Manuskripts von „Der gute Gott von Manhattan“ zu verdanken ist. Sorgfältig geht Nicola Bardola in dieser Chronik auch auf private Freundschaften, wie beispielsweise mit Ilse Aichinger und Günter Eich, ein und gewährt damit tiefe Einblicke in das Privatleben der Ingeborg Bachmann.

 

Ein Tonstudio des Bayerischen Rundfunks in den 50er Jahren (Foto: Bayerischer Rundfunk (via BR))

Gleich mehrere berufliche Stationen binden Ingeborg Bachmann an München: Zum einen sitzt hier „ihr“ Verlag, der Piper Verlag, bei dem 1956 der Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“ erschien. Sowohl mit dem Verleger Klaus Piper als auch mit ihrem Lektor Reinhard Baumgart ist sie eng persönlich verbunden, wie Briefe und deren Erinnerungen verraten. Zum anderen arbeitet sie ab Oktober 1957 als Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen, eine Beschäftigung, die für sie „leider wirklich Arbeit“ ist, ihr aber eine langersehnte finanzielle Absicherung bietet. Dass München in der Vita Bachmanns trotzdem häufig überhaupt nicht erwähnt wird, anders als Städte wie Rom, Zürich, Paris und Klagenfurt , ist ein Missstand, den diese Chronik nachhaltig beheben dürfte.