Bayerische Geschichten 02/2026: Hein Kohn – Verleger, Literaturagent und Widerständler

Liebe Leserinnen und Leser,

die Bücher zahlreicher Autorinnen und Autoren wurden im „Dritten Reich“ aus dem Verkehr gezogen, verbrannt und verbannt. Ebenjene Texte ließ der junge Verleger Hein Kohn, der vor den Nazis aus Deutschland geflohen war, in den Niederlanden auf Niederländisch neu drucken und verbreiten, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Selbst als ihn die politische Situation in den Untergrund zwang, setzte er sein Werk unter Einsatz seines Lebens fort. Er überlebte den Krieg und wurde schließlich als Literaturagent zu einem bedeutenden kulturellen Vermittler zwischen den beiden entzweiten Nachbarländern.
Seine beeindruckende Biografie lässt sich in „Tücher und Bücher. Von Augsburg in die Niederlande“ nachverfolgen. Bis Ende des Jahres findet im Brechthaus in Augsburg eine Sonderausstellung zum Thema statt.

Hein Kohn als junger Mann in Hemd und Krawatte auf einem Foto
Hein Kohn als Jugendlicher, o. J. (Foto: Privatarchiv Menno Kohn, Hilversum)

Hein Kohn wurde 1907 als Sohn jüdischer Eltern in eine wohlhabende Augsburger Tuchmacherfamilie geboren. Nach seiner Schulzeit in der damals äußerst progressiven „Schulgemeinde Wickersdorf“ kehrte er dem Textilgewerbe den Rücken und strebte eine Karriere in der Welt der Bücher an. Während seines Volontariats als Buchhändler in der renommierten Augsburger Buchhandlung „Lampart & Comp.“ lernte er Bertolt Brecht kennen, mit dem er zeitlebens in Kontakt blieb und dessen Bücher er Jahrzehnte später in Holland bekannt machte. Nach Ende des Volontariats führte ihn sein Weg auf die Buchhändlerschule in Leipzig, wo er unter anderem der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und der Sozialistischen Arbeiter-Jugend beitrat. Auch als Leiter der „Heinrich-Heine-Buchhandlung“ in Hamburg ab 1928 machte Kohn aus seiner politischen Gesinnung keinen Hehl und positionierte sich klar gegen die Nationalsozialisten.

Cover eines Buches aus dem Verlag von Hein Kohn
Coverabbildung von „Brandende Woorden uit Duitschland“ („Brennende Worte aus Deutschland“), erste Ausgabe von Boekenvrienden Solidariteit

Deshalb – und wegen seiner jüdischen Abstammung – blieb Hein Kohn nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 keine andere Möglichkeit als die Flucht. Bei einem Bekannten in den Niederlanden fand er Unterschlupf und stand auch dort rasch wieder auf eigenen Beinen. Schon im Herbst 1933 gründete er zusammen mit Freunden den Verlag „Boekenvrienden Solidariteit“ (ab 1936 „Het Nederlandsche Boekengilde“), der antifaschistische Texte sowie in Deutschland verbrannte und verbannte Bücher auf Niederländisch veröffentlichte und auch unbekannten Autoren die Chance gab, ihre Ideen „frei von Parteipropaganda und politischer Agitation“ zu verkünden. Selbst als seine Verlage nach der Besetzung der Niederlande 1942 aufgelöst wurden, setzte Kohn seine Arbeit fort – nun durch Beteiligung am Untergrund-Verlag „De Bezige Bij“.

Hein Kohn sitzt neben Astrid Lindgren und unterhält sich mit ihr
Astrid Lindgren und Hein Kohn, (Foto: Privatarchiv Menno Kohn, Hilversum)

Nach dem Krieg gründete Hein Kohn das „Internationaal Literatuur Bureau“, eine der ersten Literaturagenturen der Niederlande. Schnell zeichneten sich erste Erfolge ab, unter anderem mit den Büchern des ehemaligen deutschen Offiziers Hans Hellmut Kirst, den wegen seiner politischen Vergangenheit niemand verlegen wollte. Kohn wagte den Versuch und landete einen Bestseller. In den nächsten Jahren vermittelte er unter anderem für die Verlage Suhrkamp und Rowohlt und setzte sich persönlich für die Verbreitung von Autoren wie Bertolt Brecht, Astrid Lindgren, Erich Kästner und Michael Ende ein. Heute führt seine Enkelin Linda Kohn die Agentur in dritter Generation.