Bayerische Geschichten 12/2026: Kampf ums Überleben

Liebe Leserinnen und Leser,

1943 kommt Valentina, eine ukrainische Zwangsarbeiterin, ins Arbeitslager Langenzenn bei Nürnberg, in dem Hunger und Demütigungen die Tage beherrschen. Nachdem ihr während eines Ernteeinsatzes die Flucht gelingt, findet sie Unterschlupf bei einer Bauernfamilie, die sie als neue Magd Irmgard ausgibt. Vor allem die mutige Bäuerin Marie stellt sich als überzeugte Christin der Nazipropaganda entgegen und setzt alles daran, die junge Frau zu beschützen. Trotz manch kritischer Situation gelingt es Valentina schließlich, bis zum Einrücken der Amerikaner unentdeckt zu bleiben.
Fritz Stiegler erzählt eindrücklich vom Alltag der ländlichen Bevölkerung während der letzten Kriegsjahre und von Valentinas Kampf ums Überleben.

 

Leseprobe

Wie gebannt saß Martin vor dem Kasten, das eine Ohr am Lautsprecher, das andere passte auf.
„Und, was gibts Neues?“ Plötzlich stand Mutter im Wohnzimmer.
Martin erschrak und schaltete das Gerät aus.
„Immer das Gleiche“, stammelte er. „Die Amis sind in Frankreich und der Krieg ist bald vorbei.“
„So, so.“ Fest schloss sie die Tür und setzte sich auf das Sofa, Stallluft verbreitete sich im Raum. „Was habns denn mit dir gmacht, Bub?“
Martin besann sich eine Weile. Stockend sprach er. „Die spinnen“, schimpfte er. „Dreimal habn wir den Heidenberg rauf und runter rennen müssen, dann habn wir unten in der Wiese beim Gabsteigersweiher erschießn geübt. Diejenigen, die aufgebn habn, warn die Juden und die andern die Guten. Ich war immer ein Jud, obwohl ich den Heidenberg gschafft hab.“
Die Mutter sagte schließlich: „Martin, die Männer, die das ausheckn, sind Lumpen. Geh deinen gradn Weg, so wies der Herrgott sehn will, gell.“
Der Bub zuckte ungläubig mit den Schultern.
Nach einer kurzen Pause holte sie tief Luft. Ihre Stirn wirkte seltsam runzlig. „Noch was“, sprach sie mit stockender Stimme. Martin spürte die Unruhe in ihr.
„Wir haben eine im Heuboden.“
„Was im Heuboden?“
„Eine Flüchtlingsfrau.“ Die Mutter begann zu weinen.
„Mir wärs recht, wenn du dich ein wenig um sie kümmern tätst … Und kein Wort, verstehst?“
Martin sah die Mutter fragend an: „Was soll ich?“
„Ich bitt dich“, mahnte sie ihn noch mal, „verrat keinem davon, auch nicht deinen Brüdern, gell. Es ist schlimm, aber wir könnens nicht mehr ändern.“ Dann stand sie auf und ging schluchzend auf den Kartoffelacker.
Es war schon später Nachmittag, als Martin das Haus verließ.Die Sonne versteckte sich bereits hinter der mächtigen Scheune, er fröstelte. Die Hände in den Taschen vergraben, balancierte er das dicke Brett hinauf auf den Misthaufen. Es war seine Aufgabe, täglich die groben Haufen vom Morgen zu verteilen und aufzustapeln. Ein penibel geschichteter Misthaufen war das Kennzeichen eines guten Bauern, daran wurde er gemessen. Als ihn die Ochsen im Stall auf der anderen Hofseite durch das offene Tor erkannten, fingen sie an zu brüllen. Die Futterzeit nahte. Die Neugier aber lockte den Buben auf den Heuboden. Er wusste genau, wo die Frau sich befand. Früher hatte auch er sich manchmal dort versteckt, genau wie seine Brüder und die Dorfkinder. Die Stelle war kaum einsehbar und schwer zu erreichen, einfach perfekt.
Leise quälte er sich die Stiege hinauf und erklomm den Heustoß, dann wühlte er sich auf den Eingang zu und lauschte eine Weile. Kein Laut, kein Lebenszeichen. Nichts, nur das Gebrüll der Ochsen schallte herüber. Er kehrte in den Hof zurück und erledigte seine Pflichten, gewissenhaft wie immer, nur die Beine schmerzten.