Bayerische Geschichten 15/2026: Machtspiele und Spezlwirtschaft
Liebe Leserinnen und Leser,
man schreibt das Jahr 1990: Bayerns Ministerpräsident Nikolaus Auhofer ist amtsmüde. Er verstolpert seine Reden und blamiert sich bei der Premiere der Oberammergauer Passionsspiele bis auf die Knochen. Das ruft den ehrgeizigen Innenminister German Irl auf den Plan: Er will seinen Chef stürzen – möglichst ohne sich dabei selbst die Finger zu verbrennen. Ein brisantes Schriftstück aus dem Wirtschaftsministerium kommt ihm da gerade recht: Auhofer ist in ein dubioses Waffengeschäft mit einem alten Spezi aus Kriegstagen verstrickt. Die Intrige, die Irl daraus spinnt, gewinnt schnell an Eigendynamik und bringt den Ministerpräsidenten in Bedrängnis. Doch Irl hat die Rechnung ohne seine Geliebte Annelies gemacht …
Sebastian Beck führt seine Leser in seinem Roman „Amigo“ hinter die Kulissen des bayerischen Politikapparats. Mit pointiertem Witz und feiner Satire entlarvt er den dort herrschenden Irrsinn, ohne sich dabei allzu weit von der Realität zu entfernen.
Leseprobe
Dem Irl glaubt Auhofer kein Wort, weil er ihn schon seit seiner Zeit beim Akademischen Gesangverein in München kennt und ihn für einen falschen Fünfziger hält. Für seine Karriere ist Irl dem Alten so tief in den Arsch gekrochen, dass er fast schon wieder oben herausgeschaut hat. Aber was ihn am meisten stört: Irl lässt keine Gelegenheit aus, um allen vorzuführen, dass er der bessere Ministerpräsident wäre.
Ja gut, Auhofer merkt selbst auch, dass er sich in letzter Zeit immer öfter verhaspelt, weil ihm alles zu viel wird. Manchmal weiß er gar nicht mehr, wo er eigentlich ist, so oft wird er kreuz und quer durch den Freistaat kutschiert. Staatskanzleichef Dr. Renner händigt ihm kurz vor den Terminen stets die Unterlagen aus. Das Wichtigste ist blau unterstrichen: Regierungsbezirk, Name der Stadt oder Gemeinde, Anlass des Besuchs. Vierzig Jahre Frauenbund Oberfranken, Vorsitzende Alexandra Riesner (unterstrichen). Darunter das Redemanuskript, auch hier alles schön gefettet. Oder Verband der bayerischen Automobilindustrie, Jahreshauptversammlung. Dingolfing. BMW, nicht Audi.
Was wäre er ohne den guten Dr. Renner?
Aber das Hirn funktioniert noch, versichert sich Auhofer. Er lässt sich nicht einfach anzählen. Weder von der LaRue noch von Irl oder sonst wem. Die zweieinhalb Jahre bis zur nächsten Wahl macht er noch voll, auch wenn die Umfragen gerade miserabel ausfallen, er will schließlich als Ministerpräsident in die Geschichte eingehen und nicht als Betriebsunfall.
„Ich danke euch allen für eure Solidarität“, sagt Auhofer. „Jetzt wird wieder was gearbeitet und nicht Theater gespielt.“
„Aber die 45 Prozent sind unter unserer Würde“, wirft einer von links ein. Finanzminister Konny Baumgartner bläst sich neuerdings immer öfter auf, das ist Auhofer schon aufgefallen. Dieser niederbayerischen Metzgervisage ist jede Form von Kultiviertheit fremd. Eine Mozartmesse oder ein alpenländisches Adventssingen, der ganze Reichtum der bayerischen Lebenswelt, das geht an dem spurlos vorbei. Neulich hat er doch glatt zugegeben, dass er noch nie im Theater war.
Jetzt wird er gewiss wieder mit seiner Umgehungsstraße für Geiselbach anfangen.
„Was wird jetzt aus der Umgehung für Geiselbach?“, fängt Baumgartner tatsächlich an. „Wir müssen vor dem Bürger glaubwürdig bleiben. Bei mir daheim musst du dich hinstellen und nicht in Oberammergau.“
„Ich stelle mich hin, wo es mir passt“, entgegnet Auhofer scharf. „Weil Ministerpräsident von Bayern bin immer noch ich und nicht du.“
Irl nickt beifällig. „Recht hast, Nikolaus.“
Wenn man dauernd den Chef raushängen lässt, dann ist man so gut wie erledigt, das hat Irl in den Jahren seiner Karriere gelernt. Aber der Baumgartner ist auf alle Fälle gefährlich. Der hat eine fast genauso brutale Art wie früher der Alte. Von seinem Büroleiter Kleinschmitt hat sich Irl mal den Mitschnitt einer Bierzeltrede Baumgartners in Simbach anfertigen lassen. Darauf zieht er über die Gschwollschädel in München her, in einer Lautstärke und Primitivität, die kaum mehr zu überbieten ist. Man glaubt gar nicht, dass er in derselben Partei ist. Die Leute aber johlen. Als sich Irl diese Sammlung von Entgleisungen im Auto angehört hat, da merkte er, dass der Seppi hinterm Steuer grinste.
„Was ist jetzt da so witzig?“, herrschte er ihn an.
„Mei, ist halt Bierzelthumor“, antwortete Seppi, der auch längst weiß, dass dem Irl jegliche Art von Humor fremd ist.
Nach der Sitzung lässt sich Auhofer von der Frau Mondrian ein Alka-Seltzer ins Büro bringen. Der Obstler und die Blamage am Wochenende haben seinen Magen verdorben. Er betrachtet die Kinderfotos auf dem Schreibtisch, während er trinkt. Veronika, Magdalena, Sara, Simon, Johannes, Thomas, alle nach Figuren aus der Passion benannt. Und alle von Anfang an spielberechtigt, Magdalena und Sara singen sogar schon im Chor mit, der Johannes spielt Cello im Orchester. Thomas hat das Zeug zum Gekreuzigten im Jahr 2000 oder 2010.
Daneben steht ein Foto vom Bazi, seinem Gebirgsschweißhund, das mag er besonders gerne. Mei, der Bazi. Wie er ihn immer umschwänzelt, wenn er nach Hause kommt. Pure Liebe. Da könnt sich die ewig grantelnde Maria mal ein Beispiel nehmen.
Im Empfangszimmer wartet schon der Generalkonsul von Togo seit einer halben Stunde wegen eines Hilfsprojekts auf ihn. Dann klingelt aber das Telefon.
„Unser Luggi möchte den Bubi sprechen“, sagt Frau Mondrian. „Dringend.“
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