Bayerische Geschichte(n), 01/2015: Mit gebrochenen Heimaten leben lernen

Am Westrand des KZ-Ehrenfriedhofs auf der Etzenhauser Leiten bei Dachau steht die Gedächtniskapelle Regina Pacis, die an alle Italiener erinnert, die in den Konzentrationslagern ums Leben kamen.
Am Westrand des KZ-Ehrenfriedhofs auf der Etzenhauser Leiten bei Dachau steht die Gedächtniskapelle Regina Pacis, die an alle Italiener erinnert, die in den Konzentrationslagern ums Leben kamen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

nicht nur die Heimat der Menschen, die in der Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau leben, ist von den schweren Verwerfungen und Brüchen der Vergangenheit geprägt. Auch über dem Begriff „Heimatpflege“ selbst lag nach den Schrecken der NS-Herrschaft ein dunkler Schatten. Der Ursprung der Heimatpflege liegt in der im 19. Jahrhundert entstandenen Volkstumspflege: Die Lebensumstände der Landbevölkerung wurden damals romantisch verklärt und idealisiert – sozusagen als Gegenbewegung zu fortschreitender Industrialisierung und damit einhergehender Entfremdung. Durch die Völkische Bewegung und die Nationalsozialistische Ideologie wurden diese Ideen missbraucht und zur Legitimation von Rassismus benützt.

Winterlandschaft bei Dachau
Winterlandschaft bei Dachau

Die Vertreter der Heimatpflege haben sich in den letzten hundert Jahren große Verdienste um den Erhalt von Kulturgütern erworben. Unsere Welt wäre deutlich ärmer ohne ihr Bemühen um Denkmäler, Ortsbilder und Landschaften, um Bräuche, Musikkultur, Trachten, Mundarten und Regionalliteraturen. Aber es ist auch an der Zeit, kritische Bilanz zu ziehen. In der Nachkriegszeit und noch lange darüber hinaus erschöpfte sich die Heimatpflege allzu oft in singulären Liebhabereien, während die wirklich lebens- und kulturverändernden Umwälzungen beinahe unbeachtet blieben.

1949 wurde der KZ-Ehrenfriedhof Leitenberg bei Dachau eingeweiht. 7.609 KZ-Häftlinge haben dort ihre letzte Ruhestätte. Hier ein Blick auf die Gedächtnishalle.
1949 wurde der KZ-Ehrenfriedhof Leitenberg bei Dachau eingeweiht. 7.609 KZ-Häftlinge haben dort ihre letzte Ruhestätte. Hier ein Blick auf die Gedächtnishalle.

Was bedeutet es etwa, wenn in den Ballungsräumen der Metropolregionen Zersiedelung, Landverbrauch und Grundstücksspekulationen nie gekannte Ausmaße erreichen, während anderswo  Landflucht und Strukturschwäche ganze Dörfer veröden lassen? Wann verstehen wir endlich, dass sich in der globalisierten Welt Armutsmigration nicht mehr mit Polizeimaßnahmen verhindern lässt, sondern nur mit einem wirtschaftspolitischen Bemühen um eine gerechtere Welt? Wie ist es möglich, dass auch in Deutschland Rassismus und Antisemitismus wieder Hass und Zerstörung in die Dörfer und Städte tragen? Sollen das etwa keine Fragen der Heimatpflege sein?

Der oberbayerische Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler ruft mit seinem Buch „Dachauer Elegien – Heimat in einer globalisierten Welt“ eindringlich dazu auf, die größer gewordene Heimat unter humanitären Gesichtspunkten zu bewahren. Norbert Göttler und Norbert Kiening, beide Jahrgang 1959, sind in der kleinen Gemeinde Prittlbach in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen KZ Dachau aufgewachsen. Die Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte hat Autor und Künstler nachhaltig geprägt und führte nun erstmals zu einer publizistischen Gemeinschaftsarbeit.